Offenes Buch mit Lupe in einer Gedankenblase als Symbol für Lesestrategien

1. September 2026, Max

Lesestrategien in der Grundschule

Lesestrategien helfen Kindern dabei, Texte nicht nur zu lesen, sondern gezielt zu verstehen. Sie geben ihnen eine Vorgehensweise an die Hand, mit der sie Informationen finden, Zusammenhänge erkennen und das Wichtigste aus einem Text herausarbeiten können.

Hier erfährst du, was Lesestrategien sind, welche Strategien ich für die Grundschule als besonders zentral ansehe und wie Kinder sie wirklich lernen.

Was sind Lesestrategien?

Eine Lesestrategie ist eine bewusste und zielgerichtete Vorgehensweise, die beim Verstehen eines Textes hilft. Kinder nutzen sie, um eine bestimmte Anforderung zu bewältigen: Sie wollen beispielsweise eine Information finden, die Kernaussage bestimmen, einen Zusammenhang erkennen oder eine Geschichte besser verstehen.

Nicht jede Handlung beim Lesen ist bereits eine eigene Strategie. Wörter zu markieren, einen Abschnitt erneut zu lesen, Pfeile einzuzeichnen oder eine Mindmap anzulegen sind zunächst Techniken. Sie werden als Teil einer Strategie eingesetzt, um ein bestimmtes Leseziel zu erreichen.

Zu Beginn kann eine Strategie von einem Erwachsenen vorgegeben und gemeinsam mit dem Kind angewendet werden. Langfristig sollen Kinder lernen, passende Strategien zunehmend selbstständig auszuwählen, anzuwenden und ihren Erfolg zu überprüfen.

Lesen mit einem Ziel

Nicht jeder Text wird aus demselben Grund gelesen. Manchmal soll ein Kind eine bestimmte Information finden. Manchmal möchte es verstehen, warum etwas geschieht, wie sich eine Figur verändert oder worum es in einem Text im Kern geht. Vom Leseziel hängt ab, welche Strategie hilfreich ist.

Die Leitfragen meines Systems lauten:

  • Was will ich vom Text?
  • Was bekomme ich vom Text?

Diese Fragen bilden das Dach meines Lesestrategiesystems. Die einzelnen Strategien sind die konkreten Werkzeuge darunter. Kinder sollen mit der Zeit lernen, nicht jede Strategie bei jedem Text abzuarbeiten, sondern eine passende Strategie auszuwählen.

Lieber wenige Strategien gründlich üben

Kinder müssen nicht möglichst viele Strategien benennen können. Entscheidend ist, dass sie einige hilfreiche Vorgehensweisen sicher anwenden. Eine lange Strategieliste, die nur erklärt oder auf einem Merkblatt vorgegeben wird, verändert das Lesen noch nicht.

Auch theoretisches Wissen reicht nicht aus. Ein Kind kann wissen, was eine Kernaussage ist, ohne sie in einem neuen Text selbstständig bestimmen zu können. Strategien werden erst dann nutzbar, wenn Kinder sie häufig an unterschiedlichen Texten anwenden, ihre Ergebnisse am Text überprüfen und die Hilfen nach und nach reduziert werden.

Der folgende Grundstock ist deshalb keine abgeschlossene oder allgemeingültige Liste aller Lesestrategien. Er enthält zehn Strategien, die ich für die Grundschule als besonders zentral ansehe und auf denen meine Materialien aufbauen.

Zehn zentrale Lesestrategien für die Grundschule

1. Vorwissen nutzen und Vermutungen bilden

Vorwissen erleichtert das Verstehen neuer Informationen. Überschrift, Bilder und auffällige Begriffe geben erste Hinweise darauf, worum es im Text gehen könnte. Kinder verbinden diese Hinweise mit dem, was sie bereits wissen, und formulieren eine begründete Vermutung. Diese wird beim Lesen überprüft und bei Bedarf verändert.

So lässt sich die Strategie üben: Vor dem Lesen Überschrift und Bilder betrachten, bekanntes Wissen sammeln und eine Vermutung formulieren. Danach am Text prüfen: Was hat gestimmt? Was muss ich verändern?

2. Unbekannte Wörter und unklare Textstellen klären

Kinder begegnen beim Lesen immer wieder Wörtern oder Sätzen, die sie nicht sofort verstehen. Sie lernen, solche Stellen nicht einfach zu übergehen, sondern gezielt zu klären. Dabei können der Zusammenhang, bekannte Wortteile, Bilder, ein Wörterbuch oder die Erklärung einer anderen Person helfen.

So lässt sich die Strategie üben: Eine unklare Stelle markieren, nochmals lesen und anschließend verschiedene Klärungswege ausprobieren. Zum Schluss setzt das Kind die gefundene Bedeutung wieder in den Satz ein.

3. Das eigene Verstehen überprüfen

Geübte Leser bemerken, wenn ihr Verständnis abbricht. Für Kinder ist das keineswegs selbstverständlich. Sie müssen lernen, nach einem Abschnitt kurz zu prüfen, ob sie erklären können, worum es geht. Wenn das nicht gelingt, lesen sie langsamer, lesen die Stelle erneut oder nutzen eine andere passende Strategie.

So lässt sich die Strategie üben: Nach einem kurzen Abschnitt stoppen und ohne Blick in den Text sagen: Was habe ich verstanden? Welche Stelle ist noch unklar? Was kann ich jetzt tun?

4. Gezielt Informationen finden und mit Textstellen belegen

Bei vielen Leseaufgaben wird nicht der gesamte Inhalt benötigt. Das Kind muss wissen, wonach es sucht, passende Stellen finden und seine Antwort am Text belegen. So wird aus einer bloßen Antwort eine nachvollziehbare, textgestützte Aussage.

So lässt sich die Strategie üben: Die Suchfrage klären, wichtige Suchbegriffe bestimmen, den Text gezielt absuchen und die passende Textstelle markieren. Anschließend die Antwort mit dieser Stelle begründen.

5. Wichtiges erkennen und die Kernaussage bestimmen

Nicht jede Information ist für das Verständnis gleich wichtig. Kinder lernen, Einzelheiten von der zentralen Aussage zu unterscheiden. Die Kernaussage beantwortet möglichst knapp die Frage: Worum geht es in diesem Abschnitt oder Text vor allem?

So lässt sich die Strategie üben: Wichtige Wörter oder Sätze sammeln, Nebensächliches weglassen und daraus einen eigenen Kernsatz formulieren. Dieser muss zum gesamten Abschnitt passen, nicht nur zu einem einzelnen Detail.

6. Ereignisse und Informationen ordnen

Texte werden verständlich, wenn ihre Teile in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht werden. Bei Geschichten betrifft das häufig den Handlungsverlauf. In Sachtexten können zum Beispiel Abläufe, zeitliche Entwicklungen oder einzelne Arbeitsschritte geordnet werden.

So lässt sich die Strategie üben: Ereignisse oder Informationen auf Karten notieren, in die richtige Reihenfolge bringen und den Ablauf anschließend mit Wörtern wie zuerst, danach und schließlich wiedergeben.

7. Ursache und Wirkung erkennen

Diese Strategie hilft Kindern zu verstehen, warum etwas geschieht und welche Folgen daraus entstehen. Ursache und Wirkung können direkt nebeneinanderstehen, über mehrere Sätze verteilt sein oder teilweise erschlossen werden müssen.

So lässt sich die Strategie üben: Warum- und Was-passiert-dadurch-Fragen stellen, Ursache und Wirkung im Text markieren und mit einem Pfeil verbinden. Danach den Zusammenhang mit weil oder deshalb erklären.

8. Schlussfolgerungen ziehen

Texte sagen nicht immer alles ausdrücklich. Leser verbinden Hinweise aus dem Text miteinander und ergänzen passendes Vorwissen. So erschließen sie Informationen, die zwischen den Zeilen liegen. Wichtig ist, dass die Schlussfolgerung durch Hinweise im Text gestützt wird und nicht nur eine freie Vermutung bleibt.

So lässt sich die Strategie üben: Eine Frage stellen, deren Antwort nicht wörtlich im Text steht, passende Hinweise markieren und erklären: Das denke ich, weil im Text steht oder gezeigt wird, dass …

9. Figuren und ihre Entwicklung verstehen

Bei erzählenden Texten ist es wichtig, nicht nur die Handlung zu verfolgen. Kinder achten auch darauf, was eine Figur denkt, fühlt und tut, welche Ziele sie verfolgt und wie sie sich im Laufe der Geschichte verändert. Eine Figurenentwicklung wird besonders deutlich, wenn Anfang und Ende miteinander verglichen werden.

So lässt sich die Strategie üben: Die Figur am Anfang und am Ende beschreiben, einen wichtigen Wendepunkt suchen und erklären, wodurch die Veränderung ausgelöst wurde. Aussagen werden mit passenden Textstellen belegt.

10. Textinhalte in eigenen Worten zusammenfassen

Beim Zusammenfassen werden mehrere wichtige Aussagen eines Textes knapp und geordnet wiedergegeben. Das geht über einen einzelnen Kernsatz hinaus. Unwichtige Einzelheiten und Wiederholungen werden weggelassen, die wesentlichen Inhalte bleiben erhalten.

So lässt sich die Strategie üben: Für jeden Abschnitt einen Stichpunkt oder Kernsatz notieren, die wichtigsten davon auswählen und daraus eine kurze, zusammenhängende Wiedergabe in eigenen Worten formulieren.

Wie Kinder Lesestrategien lernen

Zu Beginn muss eine neue Strategie sichtbar gemacht werden. Erwachsene können beim gemeinsamen Lesen vormachen und laut erklären, worauf sie achten und warum sie sich für eine bestimmte Vorgehensweise entscheiden.

Anschließend wenden die Kinder die Strategie mit Unterstützung an. Fragen, Markierungen, vorgegebene Schritte oder andere Hilfen lenken ihre Aufmerksamkeit auf das Wesentliche. Mit zunehmender Sicherheit werden diese Hilfen reduziert.

Langfristig sollen Kinder selbst erkennen:

  • Was ist mein Leseziel?
  • Wo liegt mein Verständnisproblem?
  • Welche Strategie kann mir helfen?
  • Hat die Strategie funktioniert?

Das selbstständige Auswählen ist anspruchsvoller als das bloße Ausführen einer vorgegebenen Aufgabe. Es entwickelt sich erst durch wiederholte Anwendung, gemeinsame Reflexion und schrittweise abnehmende Unterstützung.

Lesestrategien brauchen Grundlagen

Lesestrategien können das Textverstehen verbessern, ersetzen aber keine grundlegenden Lesefähigkeiten. Wenn ein Kind noch sehr langsam und unsicher liest oder große Schwierigkeiten mit Wörtern und Sätzen hat, wird ein anspruchsvolles Strategietraining schnell zur zusätzlichen Belastung.

Grundlegende Lesefähigkeiten und Lesestrategien gehören deshalb zusammen. Je nach Lernstand kann es sinnvoll sein, zunächst das genaue und flüssige Lesen, das Wortverstehen oder das Verstehen einzelner Sätze zu fördern. Lesestrategien setzen dort an, wo Kinder ihr Verständnis eines Textes bewusst planen, steuern und überprüfen sollen.

Meine Materialien zu Lesestrategien

Mit meinen Materialien kannst du einzelne Lesestrategien in der Grundschule gezielt üben. Jedes Material enthält einen passenden Text und drei Module: Grundlagen, Lesestrategie und Kompakter Lesetest.

Mehr zum Thema

Ein Pinsel mit Farbe Lila

Lesen und malen

Lesen und malen ist eine schöne Möglichkeit Leseverstehen mit Kreativität zu verbinden.

Artikel lesen