
28. Dezember 2025, Max
Keine Angst vor einfachen Texten
Über das Selbstkonzept ...
Jeder Mensch hat eine gewisse Vorstellung von sich. Ich zum Beispiel denke, dass ich ganz gut kochen kann. Zumindest bilde ich mir das ein. Würde ich allerdings in einem noblen Restaurant in der Küche stehen, frage ich mich schon, wie viele Teller wohl wieder zurückgehen würden.
Wichtig ist aber gar nicht, ob ich tatsächlich ein Spitzenkoch wäre. Wichtig ist, dass ich von mir selbst glaube, etwas gut zu können. Dieses Bild von mir – ob es der Realität entspricht oder nicht – nennt man Selbstbild oder Selbstkonzept.
Solche inneren Vorstellungen hat jeder Mensch in ganz unterschiedlichen Bereichen – beim Sport, beim Kochen oder eben auch beim Lesen. Ob sie nun stimmen oder nicht, spielt zunächst keine große Rolle. Entscheidend ist, ob dieses Selbstkonzept positiv oder negativ ausfällt.
Und genau hier wird es spannend: Sobald ein Mensch überzeugt ist, dass er etwas gut kann, macht er es auch lieber. Ein positives Selbstbild steigert die Motivation, sich mit einer Sache zu beschäftigen und dranzubleiben.
Dabei muss das Selbstbild gar nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Allein der Glaube, etwas gut zu können, sorgt oft dafür, dass wir diese Tätigkeit gerne ausführen – und mit jedem Mal gelingt sie uns ein Stückchen besser.
Das gilt auch fürs Lesen: Wer sich zutraut, ein Buch oder mehrere einfache Texte zu bewältigen, sammelt Erfolgserlebnisse – und entwickelt so Schritt für Schritt mehr Sicherheit.
... beim Lesen
Beim Lesen zeigt sich das Prinzip besonders deutlich. Kinder, die überzeugt sind, dass sie gut lesen können und sich selbst als Leser wahrnehmen, entwickeln ein positives Selbstkonzept. Dieses innere Bild macht einen großen Unterschied: Wer sich als Leser sieht, greift freiwilliger zu Büchern und Texten.
Ein solches Selbstvertrauen wirkt wie ein Motor. Kinder mit einem positiven Selbstkonzept erleben Lesen nicht als Pflicht, sondern als Teil von sich selbst. Sie öffnen häufiger ein Buch, nehmen sich Zeit zum Schmökern und entdecken dabei Stück für Stück, wie viel Freude Geschichten oder Sachtexte machen können.
Die Folge ist eine einfache, aber entscheidende Kette: Kinder, die gerne lesen, lesen mehr – und Kinder, die mehr lesen, entwickeln mit der Zeit auch bessere Lesefähigkeiten.

Ein positives Selbstkonzept aufbauen
Die große Frage ist natürlich: Wie kann man Kinder dabei unterstützen, ein positives Selbstkonzept aufzubauen? Wie schafft man es, dass sie sich selbst als Leser – und sogar als gute Leser – sehen?
Ein bewährter Ansatz ist, Kinder beim Lesen immer wieder zu loben und das Positive hervorzuheben. Druck oder Zwang beim Lesen und Üben sind dagegen kontraproduktiv – sie stehen im Widerspruch zu einem positiven Selbstbild als selbstständiger Leser.
Genauso wichtig ist die eigene Wahrnehmung des Kindes. Lob von außen ist hilfreich, doch entscheidend ist, dass das Kind selbst spürt: „Ich kann das.“ Dieses Gefühl entsteht vor allem durch Erfolgserlebnisse beim Lesen.
Solche Erlebnisse können ganz unterschiedlich aussehen: wenn ein Kind ein Buch zu Ende liest, wenn eine spannende Geschichte fesselt oder wenn es ein Buch selbst auswählen durfte.
Darum gilt: Lieber zehn Bücher lesen, die eigentlich zu einfach sind, als ein einziges, das so schwer ist, dass es am Ende abgebrochen wird. Schritt für Schritt steigern – das ist beim Lesen genauso sinnvoll wie in vielen anderen Bereichen.
Quellen und Literatur
Goy, M., Valtin, R., & Hussmann, C. (2017). Leseselbstkonzept, Lesemotivation, Leseverhalten und Lesekompetenz.
In I. Gogolin, A. Dirim, B. Lange, U. Michel, & M. Rotter (Hrsg.), Bildung und soziale Ungleichheit in Deutschland (S. 251–272). Waxmann Verlag.
Wie geht es weiter?
Portal: Leseflüssigkeit
Im Portal: Leseflüssigkeit findest du weitere Infos, Arbeitsblätter und Material.
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