
Erzählung | Lesestufe 10
Das kleine Blatt
Es war einmal ein kleines Blatt, das an einem dünnen Zweig eines großen Baumes wuchs. Eines Tages strich ein sanfter Frühlingswind durch die Äste. Voller Freude tanzte das kleine Blatt im Wind. Plötzlich flüsterte der Wind ihm etwas zu. Da begann das Blatt leise zu seufzen und eine tiefe Trauer ergriff es.
„Was hast du?“, fragte der Zweig.
„Der Wind hat mir etwas Schreckliches erzählt“, antwortete das Blatt. „Er sagt, dass er mich eines Tages von dir reißen wird.“
Der Zweig erzählte es dem Ast, der die Nachricht an den Baum weitergab. Als sie den Baum erreichte, raschelte es in seiner ganzen Krone.
„Fürchte dich nicht“, brummte der Baum. „Halte dich nur gut an mir fest. Du wirst nicht fortgehen, bevor du es selbst möchtest.“
Die Worte des Baumes nahmen dem kleinen Blatt die Angst. Es hörte auf zu seufzen, die Trauer verflog und es genoss den Sommer. Wenn der Wind durch die Krone des Baumes fuhr, schwankten die schweren Äste, während sich die kleinen Zweige bogen und auf und ab wippten. Das kleine Blatt hielt sich ganz fest und tanzte fröhlich mit. Nie, so dachte es, würde es seinen Zweig verlassen.
Der Sommer verging. Schließlich kam der Oktober.
Als die Tage kürzer und die Luft kühler wurden, bemerkte das kleine Blatt eine Veränderung: Die Blätter rings um es herum begannen zu leuchten. Einige färbten sich gelb, andere rot und manche trugen beide Farben zugleich.
„Was geschieht mit uns?“, fragte das kleine Blatt.
„Die Blätter bereiten sich darauf vor, fortzufliegen“, antwortete der Baum. „Darum tragen sie jetzt ihre schönsten Farben.“
Das kleine Blatt betrachtete die anderen Blätter. Noch vor einigen Monaten hatte es sich vor diesem Augenblick gefürchtet, doch nun sah alles ganz anders aus. Die bunten Blätter raschelten im Wind, und plötzlich fragte es sich, wie es wohl wäre, mit ihnen durch die Luft zu fliegen.
Auch das kleine Blatt färbte sich von Tag zu Tag, bis es schließlich golden leuchtete. Der Zweig aber, an dem es hing, blieb braun.
„Warum bekommen wir Blätter so schöne Farben?“, fragte es. „Warum bleibt ihr Äste braun?“
Der Zweig antwortete: „Wir müssen bleiben. Unsere Arbeit ist noch nicht getan. Darum tragen wir weiter unsere Arbeitskleider. Ihr aber seid fertig. Eure bunten Farben sind eure Festtagskleider.“
Das kleine Blatt dachte lange darüber nach. Dann kam ein kleiner Windstoß, der den Zweig sanft hin und her wiegte. Früher hätte sich das Blatt nun fest an ihn geklammert, doch diesmal hatte es keine Angst. Es blickte ein letztes Mal zu den Ästen, zwischen denen es den ganzen Sommer verbracht hatte.
Da ließ es los.
Sofort fing der Wind das kleine Blatt auf. Er hob es hoch in die Luft, ließ es kreisen und trug es über den Boden. Wie ein kleiner Feuerfunke wirbelte das goldene Blatt durch die kühle Herbstluft. Und das kleine Blatt flog davon, hinein in einen tiefen Traum. Was es in diesem Traum sah, hat es niemandem mehr erzählt.
