Bild zur Geschichte: Das Seehaus

Erzählung | Lesestufe 8 

Das Seehaus

Kapitel 1 – Endlich Ferien

Lea sprang aufgeregt auf das Bett ihres Bruders.

»Jakob, aufstehen, aufstehen!«, rief sie laut.

Kräftig stieß Lea sich von der Matratze ab. Jakob schaukelte so stark, dass er beinahe aus seinem Bett rutschte.
Ihr Bruder vergrub den Kopf unter seinem Kopfkissen. Morgens konnte seine Schwester eine ziemliche Nervensäge sein. Na ja, nicht nur morgens – aber besonders morgens. Kleine Schwestern eben.

Lea springt

»Komm schon!«, rief Lea. »Wir fahren gleich los. Ich höre Mama und Papa schon draußen am Auto.«

»Sie werden schon nicht ohne uns fahren«, grummelte Jakob.

»Wer weiß!«, zischte Lea. Nachdenklich blickte sie in die Luft. »Aber was würden sie ohne uns im Urlaub machen? Das wäre ja ziemlich langweilig.«

Während Lea überlegte und dabei in die Luft starrte, hielt sie still. Jakob genoss die Ruhe. Die währte allerdings nicht lange.

»Komm schon!«, rief Lea erneut und sprang weiter.

Jakob wusste, er hatte keine Wahl – träge rollte er sich aus seinem Bett.

Kurz darauf saßen Lea und Jakob im Auto. Mama und Papa schlossen noch das Haus ab, dann endlich ging es los.

Auto steht mit Jakob und LeaAuto fährt mit Jakob und Lea

Kapitel 2 – Am See

Die Autofahrt verging schnell. Lea war die ganze Zeit hibbelig, so freute sie sich auf den Urlaub.
Jakob sah es ihr nach. Früher war er vor dem Urlaub auch immer so aufgeregt gewesen. Doch schließlich war er zwei Jahre älter als seine Schwester. Und zwei Jahre sind schon ziemlich viel.

»Endlich!«, rief Lea. »Endlich sind wir da!«

Papa parkte das Auto neben dem Seehaus. Am Rand des Gartens stand eine kleine Hütte. Darin bewahrte Papa Werkzeug und das Zubehör für das Boot auf.

Das Seehaus war so, wie es Jakob in Erinnerung hatte. Nichts hatte sich seit letztem Jahr verändert. Das kleine Haus stand am Ufer des Sees. Der Garten war mit einem niedrigen Holzzaun eingezäunt. Dahinter erhoben sich große Fichten und der Wald begann.

Kaum hatte der Vater das Auto geparkt, sprangen Jakob und Lea aus dem Auto. Während Mama und Papa die Koffer ins Seehaus trugen, rannten Jakob und Lea zum Wasser.

»Komm, wir springen hinein!«, riefen beide Kinder fast gleichzeitig.

Sie rannten zum Auto, nahmen ihre Rucksäcke und drängten sich an Papa vorbei.

Irgendwas rief er ihnen hinterher. Doch Jakob und Lea hörten es nicht.

Sie rannten die Treppe nach oben. Ihr Zimmer befand sich auf der Rückseite des Hauses, mit Blick auf den Wald und die kleine Hütte.

Eilig kramten die Kinder ihre Badesachen aus ihren Rucksäcken und zogen sich um.

»Siehst du das?«, fragte Lea plötzlich.

Sie stand am Fenster.

»Was meinst du?«, fragte Jakob.

»Sieh nur«, flüsterte Lea. »Da sind zwei Lichter …«

In der dunklen Hütte schimmerten zwei schwache, bläulich bleiche Lichter. Sie waren schmal und gebogen wie zwei Sicheln.

Augen in der Dunkelheit

Lea überkam ein mulmiges Gefühl. Ihr Magen schien sich zu drehen, das Atmen fiel ihr schwer. Bewegten sich die Lichter? Standen sie still? Jedenfalls starrten sie direkt zu Lea. Am liebsten wäre sie davongerannt.

Doch als Jakob neben sie trat, um aus dem Fenster zu blicken, waren die Lichter verschwunden.

»Ich sehe nichts«, sagte er.

»Jetzt … jetzt sind sie fort«, stammelte Lea.

»Wahrscheinlich war es nur die Sonne«, sagte Jakob. »Komm, wir gehen schwimmen!«

»Das war unheimlich«, sagte Lea leise und wollte nach der Hand ihres Bruders greifen.

Doch Jakob rannte bereits die Treppe hinunter. Lea verharrte noch einen Moment.

»Es war nur die Sonne«, versuchte sie, sich einzureden.

Doch sie glaubte sich selbst nicht.

Kapitel 3 – Geräusche am Abend

Den ganzen Tag verbrachten Jakob und Lea im Wasser. Die Sonne brannte vom Himmel und der kühle See war eine willkommene Abkühlung.

Lea und Jakob sprangen vom Steg, tauchten auf den Grund und spielten und plantschten und rannten, bis sie außer Atem waren und die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwand.

Lea und Jakob springen in den See

Es war schon lange dunkel, als Lea und Jakob in ihr Zimmer kamen, um ins Bett zu gehen. Beide waren vom langen Schwimmen erschöpft und hielten sich die Hand vor den Mund, als sie laut gähnten.

Aus den Augenwinkeln sahen sie beide plötzlich ein schwaches Licht in der Hütte. So schwach, dass man es kaum sehen konnte.

Jakobs und Leas Müdigkeit verflog mit einem Mal. Kniend hinter dem Fenster und gut versteckt, spähten sie zur Hütte. Mit großen Augen verfolgten sie das fahle Licht, das einen Tanz vollführte.
Ihre Herzen rasten und Angst durchfuhr sie.

»Da ist jemand«, flüsterte Lea. »Da ist jemand in der Hütte.«

Mit einem Mal erlosch das Licht. Die Hütte lag wieder in völliger Dunkelheit.

Jakob und Lea reckten ihre Köpfe ein wenig höher, zogen sie aber sofort wieder ein, als ein Geräusch die Stille durchbrach. Für einen Augenblick hörten sie ein dumpfes Kratzen. Dann war es still.

»Vielleicht ist es Papa«, flüsterte Jakob. »Vielleicht will er uns einen Streich spielen.«

Lea sah ihn an. »Und wenn nicht?«

Dann sagte Jakob: »Komm, wir drehen den Spieß um.«

Kapitel 4 – Die Hütte

Lea wollte ihren Bruder zurückhalten, doch er hatte schon die Taschenlampe aus seinem Rucksack gezogen.

»Das ist keine gute Idee«, flüsterte Lea.

»Keine Sorge«, antwortete Jakob. »Papa rechnet bestimmt nicht damit, dass wir ihn erschrecken.«

Lea schüttelte den Kopf. Sie war sich längst nicht so sicher wie ihr Bruder.

Jakob öffnete vorsichtig die Zimmertür.

»Kommst du jetzt?«, fragte Jakob und sah zu Lea zurück.

Lea nickte. Sie konnte ihren Bruder nicht alleine lassen.

Leise schlichen die beiden die Treppe hinunter. Im Haus war es still. Vorsichtig öffnete Jakob die Hintertür, und sie huschten hinaus.

Je näher sie der Hütte kamen, desto langsamer wurden ihre Schritte. Jakob leuchtete mit seiner Taschenlampe auf die alte, verwitterte Holztür. Kein Geräusch war zu hören und von dem fahlen Licht war nichts mehr zu sehen.

Hütte im Wald

Das Herz hämmerte in Leas Brust. Das mulmige Gefühl war wieder da. Sie griff nach ihrem Bruder und krallte sich an seinem Arm fest. Jakob gab ein leises Grunzen von sich. Am liebsten wäre Lea umgedreht und zum Haus zurückgelaufen. Doch Jakob legte seine Hand auf die ihre.

»Psst«, flüsterte er ihr zu. »Bleib bei mir.«

Lea blieb. Jakob stand nur noch einen Schritt von der Tür entfernt. Er griff nach der Türklinke. Lea sah, wie sehr seine Hand zitterte. Mit einem Ruck zog Jakob die Tür auf. Quietschend schlug sie gegen die Außenwand. Sofort richtete Jakob den Lichtkegel in die Hütte. Doch bevor Lea und Jakob etwas erkennen konnten, ertönte ein ohrenbetäubendes Kreischen.

Kapitel 5 – Ein Geist

Jakob und Lea schrien laut auf. Irgendetwas sprang aus der Hütte auf sie zu. Vor Schreck ließ Jakob die Taschenlampe fallen. Lea griff nach ihrem Bruder, doch sie beide verloren das Gleichgewicht und stolperten.

»Ein Geist! Ein Geist!«, riefen die Geschwister im Chor.

Ein dunkler Schatten huschte an ihnen vorbei. Wieder ertönte das laute Kreischen. Jakob und Lea krochen hastig über den Boden und versuchten, von der Hütte wegzukommen.

Dann war es plötzlich still.

Lea blieb liegen und blickte in die Dunkelheit. Sie konnte kaum etwas erkennen. Als sie mit der Hand durch das Gras tastete, stießen ihre Finger gegen die Taschenlampe.

Lea griff danach und schaltete sie wieder ein. Langsam ließ sie den Lichtkegel über den Garten wandern.

Da entdeckte sie ein paar Schritte entfernt etwas im Gras.

Katze

Kapitel 6 – Gute Nacht

»Eine Katze«, sagte Lea. »Nur eine Katze.«

Sie half Jakob auf die Beine und die Geschwister konnten sich das Lachen dabei nicht verkneifen.

»Kein Wunder, dass wir ein Kratzen gehört haben«, sagte Lea.
»Und das Licht war wohl doch nur der Mond«, sagte Jakob.
»Wir sind vielleicht zwei Angsthasen«, scherzte Lea.

Während die Geschwister zum Haus zurückgingen, huschte die Katze wieder in die Hütte.

Leise schlichen Jakob und Lea die Treppe hinauf und zurück in ihr Zimmer. Was für eine aufregende Nacht!

Die Katze saß in der Hütte und sah den Kindern nach. Ruhig schnurrte sie und leckte gemächlich ihre Vorderpfote.

Da glitt eine bläulich bleiche Hand aus der Dunkelheit und strich der Katze über den Kopf. Sofort schmiegte sie sich daran, schloss die Augen und schnurrte laut.

»Das war knapp«, sagte eine leise Stimme aus der Dunkelheit. »Zum Glück hast du sie abgelenkt.«

– Ende –

  • Erzähltext
  • Lesestufe 8 (entspricht etwa 3. Klasse)
  • 1330 Wörter

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